Dunkle Wolken liegen bei der Fahrt nach Guatemala über der Amira.

Blitze auf dem Weg ins Hurrikan-Loch

Blitze auf dem Weg ins Hurrikan-Loch

Guatemala – Auf Utila wird es langsam ungemütlich. Die Hurrikan-Zeit hat begonnen. Etliche Stürme und Gewitter werden in ganz Mittelamerika vorhergesagt. Es wird Zeit, aufzubrechen und uns mit der Amira im Rio Dulce (Guatemala) in Sicherheit zu bringen. Auch wenn wir auf Utila, der westlichsten Insel der Islas de la Bahía von Honduras, bislang von einem richtigen Unwetter verschont wurden. Ein Tief ist im Anmarsch.

Vögel lieben es, auf Segelschiffen Platz zu nehmen und sich fahren zu lassen. Das ist nicht so anstrengend wie fliegen bei ungünstigen Winden.
Schwarzfahrer an Bord: Hier! Hier können wir mitfahren, scheint der Vogel seinen Kameraden zuzurufen, die auch gleich im Anflug sind. Zu sechst krallen sie sich auf unserer Amira für einen Großteil der Fahrt fest.

Unsere nach Utila bestellten Ersatzteile treffen gerade noch rechtzeitig mit der Fähre ein. Den neuen Tiefenmesser setzt Peter sogleich ein. Der alte hatte auf den Cayos Cochinos seinen Geist aufgegeben – obwohl wir ihn erst wenige Monate zuvor in Belize gekauft und gegen den vorherigen Tiefenmesser ausgetauscht hatten. Auch das Dichtungsteil für die Toilette in unserer Kabine packt Peter gleich zum Verwerten aus. Seitdem funktioniert die Toilette wieder, zumindest theoretisch. Denn nun streikt die Wasserpumpe.

Kein Wasser ohne Hammerschlag

Auch aus den Hähnen kommt kein Wassertropfen mehr. Nach etlichem Hin und Her finden wir den Schuldigen: Es ist der in der Pumpe eingebaute Schalter für den Wasserdruck. Mit Hammerschlägen setzt Peter ihn und damit die Pumpe wieder in Bewegung. Doch sobald wir kein Wasser mehr laufen lassen, setzt sich der Schalter wieder fest. Jedes Mal, wenn wir nun Wasser brauchen, müssen wir zunächst die Wasserhähne öffnen und zum Hammer greifen. Kochen, Spülen und jeder Toilettengang werden ab sofort sorgfältig geplant. Aber das ist ja nicht so schlimm, wir sind ja bald in der Marina.

Das heraufziehende Tief bringt wechselnde Winde. Statt des sonst üblichen Passatwinds von Osten weht ein Wind von Westen. Er bläst uns sanft entgegen, Segeln ist so nicht möglich. Wir fahren hybrid – mit Motor und Genua. Nur zeitweise müssen wir dieses Vorsegel einziehen. Alles ist okay.

Ein Blitz auf der Fahrt nach Livingston, Guatemala, erleuchtet in pechschwarzer Nacht den Himmel.
Es blitzt: Für eine Sekunde können wir in der pechschwarzen Nacht Himmel und Meer voneinander unterscheiden.

Die Nacht ist schwarz. Ohne Mondlicht können wir Meer und Himmel nicht unterscheiden. Es ist, als führen wir in ein großes tiefes dunkles Loch. Plötzlich wird es hell. Ein Blitz jagt den nächsten. Über dem honduranischen Festland scheint Regen herunterzuprasseln. Donner ist auf der Amira nicht oder kaum zu hören, das eigentliche Gewitter scheint also weit entfernt. Im Minutentakt hellen Blitze das weiße Deck des Bootes auf. Als wir uns dem Landzipfel Cabo Tres Puntas nähern, erscheinen zwei dicke Frachter auf unserem Bildschirm (Plotter), die gleich um die Ecke biegen. Einer fährt mit 16 Knoten direkt auf uns zu. Ich funke ihn an, er antwortet nicht. Auch mein zweiter Versuch misslingt. Dafür aber meldet sich der andere Frachter. Ein Mann rät uns in einwandfreiem britischen Englisch, erst einmal den Ankerplatz Tres Puntas anzusteuern und nicht direkt nach Livingston zu fahren, wo wir in Guatemala einklarieren müssen. Wir folgen seinem Rat. Der andere Frachter hat in der Zwischenzeit seinen Kurs geändert, sodass es keine Probleme gibt. Um 1 Uhr kommen wir in Tres Puntas an, um 4.30 geht’s weiter nach Livingston – damit die Sandbak, über die wir fahren müssen, noch genügend Flutwasser über sich hat.

Moewen haben eine Boje vor Livingston in Guatemala in Beschlag genommen. Ein Boot hatte die erst dieses Jahr neu gesetzte Boje zuvor gerammt und enthauptet.
Möwen haben eine neue rote Boje in Beschlag genommen, die bereits von einem Boot gerammt wurde.

Wir sind wieder zu Hause – so fühlt es sich an. Und doch ist es anders. Die rot-weiße Boje, die auf die Sandbak vor Livingston hinweist, ist nicht mehr alleine. Der Weg ist nun klar markiert mit roten und grünen Bojen. Wie schön, wir sind begeistert und staunen gleichzeitig darüber, dass einige Bojen bereits von Booten gerammt, überfahren und enthauptet wurden. Möwen haben jetzt von diesen Bojen Besitz ergriffen.

Cayo Quemado ist eine der idyllischesten Ecken des Rio Dulce in Guatemala.
Cayo Quemado ist eine der idyllischsten Ecken des Rio Dulce. Hier hat die Segelmacherin Chloé ihr Geschäft.

Den Weg entlang des Rio Dulce kennen wir inzwischen fast auswendig. Im idyllischen Cayo Quemado übernachten wir wieder am Dock der französischen Segelmacherin Chloé, die am nächsten Tag mit ihrem Team unsere beiden Segel herunterholt. Sie wird sie ausbessern und lagern, während wir in der Marina-Werft sind. Unseren Abfallsack werden wir dort auch gleich los: Das Müllboot nimmt ihn mit. Einmal im Monat komme das Boot in Cayo Quemado vorbei, viel zu wenig, erklärt Chloé. Ebenso freudig wie sie begrüßt uns einen Tag später Karen, Managerin der RAM-Marina. Es ist höchste Zeit, dass wir hier ankommen, denn inzwischen reichen auch die Hammerschläge nicht mehr, um in der Amira Wasser zu bekommen. Und dann treffen wir hier im bekannten Hurrikan-Loch sogleich viele alte Segler-Freunde und -Bekannte. Ja, das fühlt sich nach Zuhause an.


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