Achtung, offene Flamme!
Parkinson und die Vergesslichkeit
Von Renate Rüger, 19. Juni 2026
Woher bekommt der Autopilot seinen Strom? Peter schaut mich fragend an. „Der Anschluss verläuft unter unserem Bett. Kannst du dich nicht erinnern?“, sage ich. „Dort ist doch die Sicherung durchgeschmort.“ Wir überlegen gerade mit unserem Elektriker Chris, wie und wo wir einen Ersatz-Autopiloten einbauen können. Peter blickt mich fragend an. Unter dem Bett in unserer Kabine? Er schüttelt den Kopf. Chris kann es jetzt zuordnen. „Ach ja, dort habe ich mal eine Sicherung durch einen Sicherungsautomaten ersetzt.“ Peter kann sich nicht erinnern. Obwohl wir damals auf Roatan tagelang im ganzen Schiff nach dieser Sicherung gesucht und sogar mit Lagoon Deutschland gesprochen hatten. Szenen wie diese häufen sich in letzter Zeit. Entwickelt sich bei Peter eine typische Parkinson-Demenz? Bei unserem Deutschland-Urlaub im August werden wir das mit den Ärzten besprechen müssen.

Wo bleibt die Erinnerung?
Immer häufiger kann sich Peter einfach nicht erinnern. Das ist für ihn viel gravierender als das parkinsontypische Zittern, das er mit den Medikamenten gut im Griff hat. Schon seit Jahren hat Peter das Problem, sich Namen zu merken. Gut, das haben ich und andere mit zunehmendem Alter auch. Aber bei Peter ist es ausgeprägt. Aus einem Frank wird ein Andreas, aus Sylke eine Maria. Das sorgt zuweilen für Verwirrung, ebenso wie bei den Ländern. Etwa wenn Peter im Gespräch ein Erlebnis aus Kolumbien erzählt, aber immer von Mexiko spricht. „Manchmal weiß ich nicht mehr, wo ich gestern war“, sagt er.
Wie er einmal auf Caye Caulker im Dunklen allein im Dinghy vor unserer Amira saß, war erschütternd. Fassungslos, wie ein Häufchen Elend hockte er da. Mit anderen Seglern hatte er sich auf der Insel treffen wollen, doch dann die zwei Latten nicht mehr gefunden, durch die man im Flachwasser hindurch fahren muss, um nicht auf Grund zu stoßen. Hin und Her sei er gefahren, um die Stelle zu finden, berichtet er. Wie viele Parkinson-Patienten leidet Peter unter Orientierungsproblemen. Schon auf Curaçao vor fast zwei Jahren hatte er plötzlich die falsche Richtung eingeschlagen, um von der Amira zum Dinghy-Steg zu kommen – obwohl er die Strecke eigentlich in- und auswendig kannte.

Die Sache mit den sechs Eiern
Und plötzlich explodiert ein Ei: Auf Utila passiert das, während wir an Land sind. Wir hatten uns nach dem Ausklarieren gerade in ein Café gesetzt, als Peter zusammenfuhr. Huch! Habe ich den Gasherd ausgeschaltet?, fragt er. Da stehe ein Topf mit Wasser und sechs Eiern drauf. Und schon schnappt er sich den Schlüssel und eilt zum Dinghy. Ich beobachte vom Café aus, wie er zur Amira fährt, drinnen verschwindet und erst einmal nicht mehr auftaucht. Als ich meinen Kaffee ausgetrunken habe und Peters Hamburger, den er bestellt hatte, bereits kalt ist, werde ich nervös. Was ist auf unserer Amira passiert? Nichts Schlimmes, antwortet Peter übers Handy. Das Wasser im Topf sei verdunstet, die Eier seien alle schwarz geworden, klebten am Topfgrund und eins sei explodiert. Deckel und Eiteile gingen in die Luft, verteilten sich überall in der Pantry. Er habe eben nur noch alles „weggemacht“.

Gasgrill vergessen
Ich denke an den leeren Gasgrill mit Deckel, der bei einem Landgang ebenfalls an blieb, und an die Male, in denen Peter die Gasflamme nach dem Herunternehmen einer Pfanne vom Herd vergessen hat. Was, wenn ich die Gasflamme nicht gesehen hätte, wenn die Amira durch eine Welle geschaukelt hätte und etwas in die Flamme gefallen wäre? Ein Glasfaserboot brennt schnell. So etwas ist etwas anderes, als wenn Peter mal wieder vergessen hat, eine Luke zu schließen und es ins Boot regnet. Es wird ernst.
Die Lehre gezogen
Ja, auch das ist Parkinson oder die mit dieser Krankheit oft einhergehende Demenz, denken wir. Peter vergisst viel, kann sich an Vieles einfach nicht erinnern. Ich muss dafür umso wachsamer sein, mehr kontrollieren, was ich und auch Peter natürlich gar nicht mögen. Aber fortan gibt es nun Kontrollgänge auf dem Boot, wenn wir unsere Amira verlassen. Und nach jedem Kochen wird nicht nur der Gasherd ausgeschaltet, sondern auch das Gas an einem Extraschalter abgekappt.

Schmerzhaftes Eingeständnis
Für Peter ist das alles furchtbar schmerzlich. Er will offen mit seiner Krankheit umgehen, anderen und vor allem sich selbst gegenüber ehrlich sein. Dazu gehört das Eingeständnis, immer vergesslicher zu werden und gleichzeitig die Angst, vor anderen wie ein „Depp“ dazustehen. Ironischerweise sehen Fremde oder flüchtige Bekannte meist gar nicht, dass Peter Parkinson hat. Solange er seine Medikamente rechtzeitig nimmt, zittert er relativ selten – zumindest solange er nicht viele Schrauben anziehen oder mehrere Gläser mit Wein oder Wasser füllen muss. Die Versuchung, andere Parkinson-Symptome zu verdrängen, ist da groß. In geballter Form seine zunehmende Vergesslichkeit vor Augen geführt zu bekommen, ist dann doppelt so schlimm. „Aber es ist wichtig“, sagt Peter. Denn sonst nehme er nicht wirklich wahr, wie die Krankheit voranschreite. Einzelne Vorkommnisse verdränge er schnell. Dass sie sich häuften, bekomme er nicht mit. Zu schleichend gehe es mit ihm durch Parkinson bergab, aber eben stetig, was nicht zu unterschätzen sei. „Deshalb ist es gut, dass wir dies nun alles festhalten“, sagt Peter. Auch auf die Gefahr hin, dass andere es falsch verstehen. Ungeachtet der Vorkommnisse: Wir kommen gut zurecht und werden den Pazifik überqueren – mit oder trotz Parkinson.
Mehr: PARKINSON & UNSERE GESCHICHTE

