Tulum III: Baden im Höhlenfluss
Lauter eingestürzte Kalksteinhöhlen in der Region / Die Gran Cenote macht Lust auf mehr
Von Renate Rüger, 13. April 2026
Mexiko – Die Zeit verfliegt. Als wir nach der Besichtigung der Maya-Ruinen gegen 15 Uhr eine Cenote besuchen wollen, merken wir, wie knapp das wird. Cenoten sind eingestürzte Kalksteinhöhlen, die mit unterirdischen Flüssen verbunden sind. Für die Maya waren sie heilig und lebenswichtig, denn auf der Halbinsel Yucátan gibt es kaum oberirdische Flüsse oder Seen. Die Cenoten waren ihre Süßwasserquelle und zugleich Eingang zu Xibalbá, dem Ort der Angst. Hier glaubten sie mit ihren Göttern und Ahnen kommunizieren zu können, hier brachten sie auch Menschenopfer dar, um die Götter zu besänftigen. Heute werden die Cenoten in erster Linie für den Tourismus genutzt.

5.000 bis 10.000 Cenoten soll es auf Yucátan schätzungsweise geben, davon Tausende bei Tulum. Genauere Zahlen lassen sich nicht sagen, weil viele Cenoten im Dschungel verborgen sind, noch nicht erfasst wurden und außerdem ständig neue entstehen. Dies hier jedenfalls gilt als das größte Cenoten-System der Welt. Um uns herum liegen Dutzende Cenoten, die gut zugänglich sind und wie Freibäder vermarktet werden. Und das bedeutet, dass sie auch Öffnungszeiten haben. Um 17 Uhr machen die meisten zu. Damit hatten wir nicht gerechnet.
Die Cenote Sac Actun hatte uns der Mann an der Hotelrezeption empfohlen. So heißt ein weniger touristischer Zugang zum über hunderte Kilometer weiten Sac-Actun-Höhlensystem, einem riesigen Labyrinth aus wassergefüllten Gängen. Auf Fotos sehen wir einen Fluss, über dem Stalaktiten hängen und auf den durch eine Öffnung verheißungsvolles Licht strömt. Doch es ist zu weit, um mal schnell dorthin zu fahren. Also zur Cenote Dos Ojos, die ebenfalls zum Sac-Actun-System gehört und von der es ebenfalls spektakuläre und mystisch angehauchte Fotos mit Lichtstrahlen durchs kristallblaue Wasser gibt? … Nein, bis wir dort ankommen und uns umgezogen haben, bleibt ebenfalls zu wenig Zeit.

Wir entscheiden uns also für die Gran Cenote, die vom Hotel aus quasi um die Ecke liegt. Vier Kilometer und wir sind da. Die Gran Cenote gilt als eine der bekanntesten und fotogensten Cenoten. Massenandrang, wie in einigen Touristenführern beschrieben, herrscht hier bei unserem Eintreffen nicht. Die Pförtnerin schaut uns mit einem Was-wollen-Sie-denn-noch-hier?-Blick an, kassiert 500 Pesos (rund 25 Euro) pro Person und weist uns den Weg zu den Toiletten, wo wir uns umziehen können. Wie ein Freibad erscheint uns die Anlage, auf der an auffallend vielen Stellen Deutsch oder Französisch zu hören ist. Duschen und Schwimmwesten sind hier Pflicht.
Über Treppen oder Leiter geht es in zwei Wasserlöcher, die durch eine Höhle miteinander verbunden sind. Ganz links unter einer Stalaktitendecke im Dunklen tummeln sich Fledermäuse, im Durchgang zur anderen Höhle schwimmen uns kleine Schildkröten entgegen und nach dem Höhlendurchgang spiegeln sich Pflanzen und Sonne im türkisfarbenen Wasser wider. Das Ganze ist viel kleiner als wir uns das vorgestellt haben. Es ist schön, aber nicht so spektakulär wie angepriesen. Peter von der Pia, der seine neue GoPro-Action-Kamera, ausprobiert, hat seinen Spaß. Wir anderen sind ein bisschen enttäuscht. Aber eins hat der Besuch dieses Cenoten-Freibades bewirkt: Große Lust auf mehr, auf den Besuch anderer Cenoten, vielleicht auch einen Tauchgang im Sac-Actun-Höhlensystem.






