Tulum II: Maya-Ruinen am Meer
Wir besichtigen die einzige Stadt der Maya, die am Meer liegt
Von Renate Rüger, 13. April 2026
Mexiko –Königsblauer Himmel, graue Steinruinen, grüner Dschungel und türkisfarbenes Meer: Mit diesem Postkarten-Bild im Kopf blicken wir auf das „Schloss“ (El Castillo) auf einer Klippe rund zwölf Meter über dem Meer. Der Himmel ist bewölkt, eher grau, das Meer ist trüb, eher ockerbraun statt kräftig-türkis und Menschen, die sich an diesem Strand vergnügen, gibt es auch nicht, stattdessen – wenn auch nicht viel – Sargassum. Und trotz alledem ist der Blick auf diese Ruine spektakulär.

Das „Schloss“ ist eigentlich ein Tempel. Die Spanier, die 1518 in Tulum landeten, gaben ihm diesen Namen, weil er sie an eine Befestigungsanlage erinnerte. Dieser Tempel ist das größte Gebäude der ehemaligen Maya-Stadt in Tulum, die einst ein wichtiges Handelszentrum war. Es ist die einzige Maya-Stadt am Meer und die einzige, die von drei Seiten von einer Mauer umgeben ist. Nur die Seite zum Meer ist frei, ist sie doch durch die Klippe vor Angreifern geschützt. Im Gegensatz zum nahe gelegenen Chichén Itzá oder Tikal in Guatemala ist Tulum, das die Maya wahrscheinlich Zamá (Ort der Morgendämmerung) nannten, relativ jung. Es entstand in der Spätphase der Maya ab 1200 nach Christus, zu einer Zeit, als andere Zentren dieser Hochkultur bereits im Niedergang waren.
Wir blicken auf die zwei kleinen Fenster im Tempel „Schloss“, der möglicherweise auch als „Leuchtturm“ diente. Wer im Boot vom Meer kommt, sollte darauf achten, dass beide Fenster exakt übereinander stehen, dann komme er sicher durchs Korallenriff, hören wir. Spanische Eroberer berichten in ihren Chroniken von einem Licht, das Tag und Nacht im Tempel brannte. Haben die Maya Fackeln in die Fensteröffnungen gestellt, um eine „Leuchtlinie“ zur Orientierung für die Seefahrer zu bilden? Einen Beweis dafür gibt es nicht. Sicher ist hingegen die religiöse Funktion dieses Gebäudes.

Zwischen 500 und 1500 Menschen sollen innerhalb der Stadtmauern gelebt haben: die Elite, zu der Priester, Händler und Verwaltung zählten. Die Reste ihrer Steinbauten sehen wir. Die eigentliche Größe der Stadt, die einst ein wichtiges Handelszentrum war, können wir nicht erkennen: Zwischen 3000 und 6000 Menschen lebten außerhalb der Mauern, sprich: die einfachen Leute wie Handwerker und Fischer, deren Häuser aus Holz, Palmblättern und Lehm gebaut waren.
Dass die Sonne die grauen Ruinen heute nicht ins magische Licht von Blau- und Grüntönen taucht, ist für unsere Sinne und die Fotos schade. Aber es hat auch einen Vorteil: Es ist nicht so heiß, die Besichtigung der 6,8 Hektar großen Anlage ist angenehm und gemütlich selbst um die Mittagszeit.





















