Heimaturlaub wird zum Albtraum
Peter landet im Krankenhaus und Renates Vater stirbt
Von Renate Rüger, 14. September 2026
Deutschland – Der Heimaturlaub wird anstrengend, das wussten wir. Da gibt es nicht nur ein freudiges Wiedersehen mit Familie und Freunden, sondern auch ein Gerenne von Arzt zu Arzt und die leidige Beschaffung von Ersatzteilen fürs Schiff. Was wir nicht ahnten: Dieser Heimaturlaub wurde ein wahrer Albtraum. Renates Vater starb, Peter landete wegen eines gebrochenen Wirbels im Krankenhaus und die Zahl der Arztbesuche schnellte von geplanten 11 auf 20 hoch. Ein körperlicher und vor allem emotionaler Kraftakt. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass Peter nachts nicht mehr genug Luft bekommt.

Peters vierter Lendenwirbel ist gebrochen
Eigentlich fing alles schon am Rio Dulce an. Peter litt seit etwa zwei Wochen unter Rückenschmerzen und schluckte eine Ibuprofen nach der anderen. Hatte er sich beim verzweifelten Versuch, die Wasserpumpe zu reparieren, irgendetwas verrenkt? Massagen ja, aber zum Arzt wollte er partout nicht. Nein, nicht in Guatemala, nein, schon gar nicht am Rio Dulce, wo außerhalb der Marina kaum jemand Englisch spricht. Also harrte er aus, überstand irgendwie die zweitägige Reise mit Bus, Taxi, Flugzeug und Zug nach Berlin. Und dann ist Wochenende. Weitere Schmerztabletten am Samstag, weitere am Sonntag. Pillenschlucken ist Peter ja gewohnt.
Am Montag endlich: ein Termin beim Orthopäden. Weitere, härtere Schmerzmittel verschreibt der Arzt und gibt ihm zudem eine Spritze. Ein Bandscheibenvorfall sei das nicht, sagt er und knetet etwas an Peter herum. Die Pillen gegen den Schmerz wirken nicht. Noch mal geht Peter zum Orthopäden. Nimmt der ihn nicht ernst? Beim dritten Mal weist ihn die Sprechstundenhilfe ab: Nein, heute könne er nicht zwischendurch drankommen, erst am Donnerstag. Das hält Peter definitiv nicht mehr durch. Er stöhnt und ächzt, kommt nicht mehr vom Bett hoch, um ins Bad zu gehen. Renate ruft schließlich den Rettungswagen. Die MRT-Aufnahme im Krankenhaus zeigt: Beim vierten Lendenwirbel ist die Deckplatte eingebrochen, die Bandscheibe liegt nicht mehr dort, wo sie war.
Die Ärzte plädieren für eine konservative Behandlung, sprich: Sie geben harte Schmerzmittel, bis Peter wieder aufstehen kann. In sechs bis zwölf Wochen sollte alles verheilt sein, heißt es. Mehr als fünf Kilo solle Peter bis dahin nicht tragen und anschließend zur Physiotherapie, um die Rückenmuskulatur aufzubauen. Nach drei Nächten kann Peter das Krankenhaus wieder verlassen.
Fehlalarm: Kein Krebs, weder in der Brust noch in der Haut
Renate rennt derweil von der Frauenärztin zur Mammografie- und Ultralschalluntersuchung. Dann die Erleichterung: Der Brustkrebs ist nicht zurückgekehrt. Das selbst gezahlte (weil für einen Kassenpatienten sonst nicht in ein paar Monaten zu bekommene) Hautkrebsscreening hingegen bringt zunächst kein Ergebnis, weil die Daten bei mehreren Patienten aus irgendeinem Grund zerstört worden sind. Nach dem zweiten Screening eine Woche später kommt der Schock: Verdacht auf Hautkrebs an zwei Stellen. Ein Fehlalarm, stellt ein anderer Hautarzt später fest.
Familientreffen und Einkäufe fürs Boot
Schön ist in dieser Zeit nur das Wiedersehen mit unseren Kindern und Renates Eltern. Sie alle wieder in die Arme zu nehmen, tut gut. Wir genießen es, in großer Runde am Tisch zu sitzen, den Geburtstag unserer Tochter in Hannover gemeinsam zu feiern und den Geburtstag einer anderen Tochter in Berlin. Die Zeit verfliegt.
Wir werden immer unruhiger, fühlen uns gehetzt, versuchen alles zu besorgen, was wir in Guatemala nicht, nur schwer oder nur sehr teuer bekommen können. Eine Akku-Flex zählt zum Beispiel dazu. Die brauchen wir, falls einmal unser Mast bricht und wir die Edelstahlwanten durchtrennen müssen. Mit unserem großen Bolzenschneider würden wir nicht weit kommen, zumal dieser so schwer ist, dass Renate ihn kaum tragen kann. Mastbrüche sind selten, hatten wir geglaubt – bis wir in der Karibik ankamen und gleich mehrere Segler trafen, denen genau das passiert ist. Liegt der Mast dann im Wasser, kann er ein Loch in den Rumpf schlagen oder das Boot durch sein Gewicht und den Wasserwiderstand belasten. Deshalb müssen wir die Drahtseile durchtrennen können, die den Mast am Schiff festhalten. Eine Flex ist überall zu kaufen, bei Ersatzteilen ist das schwieriger. Selbst der defekte Lüfter in Peters Laptop lässt sich nicht so einfach ersetzen, und, und, und…

Zwei Mal von Bocholt zurück nach Berlin
Der Terminkalender für Bocholt ist eng getaktet. Ankunft und Essen bei unserer Freundin Sabine, bei der wir wohnen, Kennenlern-Kaffeetrinken bei den „Schwiegereltern“ unserer eigentlich in Berlin lebenden Tochter, Teilnahme am Bocholter CSD mit unserem queeren Kind und PartnerIn, Hausarzt, Zahnarzt, Augenarzt, HNO-Arzt, Neurologe und ein Gehirn-MRT (insgesamt neun Arzttermine), Treffen mit Freunden und Ex-Kollegen, Ersatzteilbeschaffung im nahegelegenen Wesel… Und eigentlich wollen wir noch das Leben bei und vor allem mit Sabine genießen. Doch jetzt müssen wir für einen Tag nach Berlin zurück, zum US-Konsulat. Denn wir brauchen ein US-Visum.

Die Sache mit dem Visum
Hawaii wollen wir bei unserer Pazifiküberquerung zwar nicht ansteuern. Aber man weiß ja nie, was kommt. So etwas wie im Frühling soll uns jedenfalls nicht noch einmal passieren. Im April hatten wir von Mexiko aus auf die Bahamas segeln wollen. Doch das Wetter ließ sich für die gesamte Strecke nicht zuverlässlich genug vorhersagen. Ohne einen Zwischenstopp in Key West, USA, wollten wir den Törn nicht wagen. Kuba kam wegen der dortigen Notsituation für einen Halt nicht infrage. Also waren wir schließlich nach Guatemala zurückgesegelt. Um künftig auch auf US-Gebiet segeln zu dürfen, haben wir nun ein B1/B2-Visum beantragt. Denn die elektronische Reisegenehmigung ESTA reicht für die Einreise mit eigenem Boot nicht aus. Beim US-Konsulat auf Curaçao hatten wir es vor zwei Jahren schon einmal versucht und vergeblich auf einen Vorstellungstermin gewartet. Beim US-Konsulat in Berlin hatte das nun geklappt. 45 Minuten würden wir dorthin mit der U-Bahn brauchen, alles war vorbereitet, bis Peter ausgerechnet am Vortag des Termins im Krankenhaus landete. Jeden Tag schaute sich Renate nun die Website der US-Botschaft an – immer in der Hoffnung, dass noch ein Termin in der Zeit frei wird, in der wir in Berlin sind. Fehlanzeige. Aber immerhin: Wir bekommen noch einen Termin, solange wir in Deutschland sind.
Mit dem FlixTrain von Bocholt nach Berlin, Hotel, am nächsten Morgen Konsulat und wieder zurück nach Bocholt. Alles läuft wie am Schnürchen. Und vor unserer Abfahrt schaffen wir es auch noch, meine, also Renates Eltern im Altenheim zu besuchen. Mein Vater sei ins Krankenhaus eingeliefert worden, hatte meine Schwester mir am Vortag mitgeteilt. Wir wollen ihn dort besuchen, aber er ist schon wieder zurück und freut sich sichtlich, uns zu sehen. Nur kurz war er in der Klinik gewesen wegen seiner frisch gezogenen Zähne beziehungsweise der dadurch entstandenen Wunde und der Einnahme des Medikaments Marcumar, das die Blutgerinnung hemmt.

Renates Vater stirbt
Meinem 92-jährigen Vater geht es schlecht, zumindest seit Ziehung der oberen Zähne. Vorher sei er noch mit dem Rollator gelaufen, erzählt meine Schwester. Jetzt schwächelt er stark, sitzt im Rollstuhl und kommt nur mit viel Mühe und Hilfe hoch. Die unteren Zähne seien entzündet und müssten ebenfalls gezogen werden, heißt es. Mein Vater winkt ab. Er sagt nichts, aber deutet unmissverständlich an, dass er das eigentlich nicht will. Jeden Tag während unseres dreiwöchigen Berlin-Aufenthalts hatte ich ihn und meine Mutter – meist in Peters Begleitung – im Altenheim besucht. Dies jetzt sollte ein letzter Überraschungsbesuch werden. Eine Stunde später ist meine Schwester da, um meinen Vater zur Kontrolluntersuchung bei der Zahnärztin ein paar Häuser weiter zu begleiten. Wir gehen mit, verabschieden uns, beobachten, wie die beiden hinter der getönten Glastür verschinden und steigen zur U-Bahn hinab, die uns zum Bahnhof bringt. Es ist das letzte Mal, dass ich meinen Vater lebend bei vollem Bewusstsein sehe. Irgendwie scheine ich das zu spüren, denn ich frage wenige Stunden später bereits nach, was die Zahnärztin gesagt hat. Das war doch nur eine Kontrolluntersuchung, antwortet meine Schwester.

Okay. Ich versuche, mich selbst zu beruhigen und plane ein Ex-Kollegen-Treffen in Bocholt. Vier Tage später meldet sich meine Schwester: Mein Vater liegt im Krankenhaus, es ist ernst. Magendurchbruch, ein künstlicher Darmausgang wird gelegt, die Niere hat ihre Tätigkeit eingestellt. Eine unserer Töchter nimmt mich in ihrem Wagen mit nach Berlin. Die Nacht fahren wir durch. Bei unserer Ankunft gegen drei Uhr hält uns ein junger Arzt einen ausführlichen Vortrag und rät unverblümt dazu, lebenserhaltene Behandlungen zu beenden. Am nächsten Morgen sollten wir die Entscheidung fällen. Wir bleiben zu dritt am Bett sitzen, streicheln unseren Vater und Opa, reden leise, erzählen ihm etwas, auch wenn er es wahrscheinlich nicht hört. Noch wollen wir die „Maschinen nicht abstellen“, wie es im Volksmund heißt. Ein anderer Arzt schlägt vor, eine weitere Nacht zu warten. Vielleicht würden sich die Organe erholen. Die Tochter und ich bleiben auch diese Nacht am Bett sitzen, ich fahre später für drei Stunden Schlaf ins Hotel, die Tochter legt sich ins Bett neben dem meines Vaters.
Doch es hilft nicht. Die Organwerte meines Vaters verbessern sich nicht. Er wacht aus dem künstlichen Koma nicht mehr auf. Der Arzt lässt jetzt nur noch die Pumpen für Schmerz- und Betäubungsmittel laufen sowie das Gerät gegen Atemnot. 25 Minuten später ist mein Vater tot. Schmerz, Leere und alles, was folgt und mit diesem Tod zusammenhängt, bilden für mich einen Albtraum, von dem ich mich nur sehr langsam, Monate später erst wieder etwas erhole.

Die Beerdigung in Berlin kann frühestens in fünf Wochen stattfinden, genauer: am 29. September. Wir canceln deshalb unseren Flug nach Guatemala, buchen einen neuen für den 3. Oktober und für die weiteren, nicht eingeplanten drei Wochen in Berlin ein neues Airbnb. Ziemlich geschafft machen wir uns dann nach einer weiteren Woche in Bocholt erst einmal – wie geplant – auf in die Schweiz und dann zu unseren Freunden nach Mannheim. Es werden zwei erholsame Wochen, die einzigen Tage unseres Heimaturlaubs, die sich tatsächlich wie Urlaub anfühlen und uns auf andere Gedanken bringen. Das gilt auch für unseren Stopp auf dem Weg in die Schweiz: bei Christiane in Frankfurt. Sie und ihr Mann Franz werden uns später mit einem Bulli zum Flughafen bringen, denn wir haben sechs Koffer und vier kleinere Taschen – etwa 120 Kilo Gepäck. Eigentlich hatten uns die Mannheimer am 14. September zum Flieger bringen wollen, doch wegen der Beerdigung und der Flugverschiebung geriet alles durcheinander.
Peter bekommt zu wenig Luft
Am 14. September geht es nach dem „Urlaub” zurück nach Berlin, wo ein neuer Kampf beginnt – der Kampf um ein Polygraphiegerät, den Platz in einem Schlaflabor und die Beschaffung eines APAP-Atemtherapiegeräts mit Nasen- oder Gesichtsmaske. Denn Peter leidet unter einer schweren Schlafapnoe. Er hat durchschnittlich 66 Atemaussetzer pro Stunde. Sein Atem setzt im Schlaf also etwas mehr als einmal pro Minute aus.

