Kleine Monster auf dem Boot
Kakerlaken-Alarm auf der Amira: Der Kampf gegen die Amerikanischen Schaben beginnt
Von Renate Rüger, 17. Mai 2026
Blauwassersegeln ist das Reparieren von Booten an den schönsten Ankerplätzen der Welt, heißt es immer so schön. Die Cayos Cochinos sind solch ein Platz. Aber hier reparieren wir unsere Amira nicht – weil uns die Ersatzteile fehlen. Statt des Ankerlichts, das wir auf der ruppigen Fahrt nach Mexiko verloren haben, lassen wir das Bordlicht leuchten und statt der undichten Toilette in unserer Kabine nutzen wir die Gästetoilette im Rumpf gegenüber (ein Luxus, den nicht jeder hat!). Aber hier, an einem der schönsten Ankerplätze der Welt, kämpfen wir gegen einige der schnellsten Tiere der Welt, zumindest relativ zu ihrer Körpergröße: Kakerlaken. Fünf Kilometer die Stunde schaffen die kleinen Viecher, das sind ungefähr 40 bis 50 Körperlängen pro Sekunde, also viel mehr als ein Gepard, der es auf 15 bis 20 Körperlängen pro Sekunde bringt.

Sie sind schnell, diese Schaben. Als erstes entdecke ich eine zwischen den Gabeln in der Schublade neben der Spüle. Eine Babykakerlake, die dunkler und runder ist als ihre Eltern. Und schon ist sie wieder weg. Ist das ein Käfer oder eine Kakerlake? Dann am nächsten Tag die zweite und dritte. Und plötzlich ein kleines helleres und länglicheres Tier auf dem Holzbrettchen. Jetzt räume ich alles aus, den ganzen Stauraum unter der Spüle. Kleine schwarze an Kaffeesatz erinnernde Krümel an der Holzkante – eindeutige Spuren von Kakerlaken. Hier zwischen den ganzen Putzmitteln und dem Waschpulver! Mit Essig im Spülwasser wische ich schnell alles sauber und spritze alle Ecken und Öffnungen mit Anti-Kakerlaken-Gel aus.
Wo sitzen die Kakerlaken?
Jetzt der Hängeschrank mit den vielen Gewürzen, der Schrank mit Mehl, Kaffee, Linsen und anderen Vorräten, der nächste Schrank, alles ausgeräumt, überprüft und sicherheitshalber noch mal mit Essig ausgewischt. Das Regal, der Toaster. Verdammt, da sind natürlich viele Krümel drin – eine schöne Mahlzeit für die Kakerlaken! Das Komische ist nur: Hier überall finde ich keine Spuren der Krabbeltiere. Wo kommen die Tiere her? Wo ist das Nest? Wo vermehren sie sich? Ich wüte im Putzrausch, schaue noch mal im Stauraum unter der Spüle. Da, eine rotbraune Kakerlake beim Abflussrohr. Wumms! Die habe ich tatsächlich mit dem Holzkochlöffel erwischt und erschlagen. Jetzt steige ich die Treppe in den Backbordrumpf hinunter, schraube die Wandbedeckung ab, hinter der das Abwasserrohr weiterläuft und auch die Wasserpumpe sitzt. Eine einzige tote Kakerlake liegt dort mit den Füßen nach oben, direkt neben dem Rohr. Hat die bereits von dem Gel gekostet? Überall im Schiff sind Löcher, Nischen, Ritzen, überall können die Kakerlaken hin. Überall, wo wir nicht hinkommen. Wo sitzen sie nur?

Eine Kakerlake kann wochenlang von einer Briefmarke leben, habe ich einmal in einem Artikel gelesen, der mich sehr beeindruckt hat. Tja, diese Briefmarken mit stärkehaltigem Klebstoff zum Anfeuchten gibt es heute kaum noch, es muss also schon lange her sein, dass ich das gelesen habe. Ohne Wasser könnten die Kakerlaken auch nicht lange mit einer Briefmarke überleben. Aber als Bild dafür, dass eine Kakerlake genügsam ist, taugt die Briefmarke gut. Haare, Papier und Karton, Leder, Zahnpasta oder Seife: Über all das machen sich Kakerlaken her, wenn sie keine Lebensmittel finden. Anders ausgedrückt: Wir können die Pantry noch so sauber halten, gegen Kakerlaken haben wir keine Chance. Die meisten Blauwassersegler hatten die Tierchen schon einmal an Bord, zumal einige Kakerlaken-Arten auch fliegen. Die Frage, woher die Tiere kommen und warum sie sich ausgerechnet unsere Amira aussuchten, ist also müßig.
Gut, dass wir die meisten Vorräte in Glas oder zusätzlich in Plastiktüten verpackt sowie die Labels von Dosen entfernt haben. Aber das hilft uns jetzt nicht viel, genau so wenig wie das Putzen. Die Spritze mit dem Anti-Kakerlaken-Gel geht zu Neige. Wir brauchen Nachschub, also steuern wir nach Cayos Cochinos wieder Utila an. Dort kaufen wir eine größere Spritze Gel mit dem Nervengift Fipronil. Wieder spritze ich alle Stellen ab, an denen wir Tiere gesichtet haben. Nach zwei Tagen ist keine Schabe mehr zu sehen. Der Spuk ist vorbei, denken wir. Doch am nächsten Tag huschen abermals zwei Kakerlaken im Schrank unter der Spüle und drei in der Klappe unter dem Ofen hin und her. Es dauert fast eine ganze Woche, bis tatsächlich Ruhe herrscht.

Klar, das Gift im Gel, das für Schaben angeblich gut riecht, wirkt nicht sofort. Und das ist auch gut so, denn die Schaben sollen es fressen und zurück in ihr Versteck laufen, bevor sie sterben. Andere Schaben werden dann dort über sie herfallen. Denn sie fressen nicht nur den Kot ihrer Artgenossen, sondern auch ihre Artgenossen selbst und damit das Gift, an dem diese verreckt sind. Ein Domino-Effekt, der am Ende alle Schaben in die ewigen Jagdgründe schicken soll. So die Theorie.
Die Ruhe, die wir drei Tage genießen, ist trügerisch. Eine Babykakerlake, die mir in der folgenden Nacht entgegenkrabbelt, zerdrücke ich gleich. Ihre mutmaßliche Mutter (zumindest der Größe nach) flüchtet zunächst in eine Spalte. Jetzt streckt diese Schabe ihre langen Fühler nach oben. Will sie auskundschaften, ob die Bahn frei ist? Das Licht, das Kakerlaken so sehr scheuen, ist noch an. Die Schabe setzt trotzdem mutig zum Anlauf an, rennt zum Abflussrohr und entkommt durch die Schlauch-Öffnung im Schrank. Schnell laufe ich zum Backbordrumpf, leuchte den Raum bei der Wasserpumpe mit einem Scheinwerfer ab und zucke jäh zusammen. Da liegt eine richtig große Kakerlake auf dem Rücken! Mit meinem Arm komme ich nicht so weit, um sie näher heranzuziehen und zu untersuchen. Morgen, denke ich und mache die Klappe zu. Die riesige Kakerlake ist eh tot, die schaue ich mir morgen genauer an.

Mit einer Grillzange ziehe ich die rund fünf Zentimeter große Schabe dann am nächsten Tag vorsichtig aus dem Spalt bei der Wasserpumpe und lege sie auf ein Blatt Papier, um ein Foto zu machen. Geplante Bildunterschrift: Auf dem Rücken und alle Füße von sich gestreckt, die Kakerlake ist tot. Plötzlich bewegt sich ein Bein, die Kakerlake zieht es langsam vor und zurück, so als wolle sie Gymnastik machen. Sehe ich richtig oder träume ich? Lebt das Tier noch oder ist es nur irgendein Reflex? Ich drehe die Schabe um, jetzt scheint sie tatsächlich laufen zu wollen. Bumps! Ich schlage zu, mit einem Löffel auf den Kopf, wohlwissend, dass eine Kakerlake acht Tage ohne Kopf leben kann.
Es ist die Amerikanische Schabe, wie ich leicht am hellgelblichen Halsschild erkennen kann. Wir haben also diese Kakerlaken, die besonders groß sind und fliegen können. „Ihre Beine können sich nach dem Eintritt des Todes noch über Stunden oder – unter kühlen Bedingungen – sogar tagelang unkontrolliert bewegen oder auf Berührungen reagieren“, lese ich beim KI-Assistent Gemini, das sich auf die Schädlingsbekämpfungsfirma Anticimex beruft. Als Grund werden das dezentrale Nervensystem der Schaben genannt, die extrem empfindlichen Sinneshaare und die Wirkung des Gifts, das die Signalübertragung der Nerven blockiert, was zu dauerhaften, unkontrollierten Muskelkrämpfen führe.

Mir ist die Sache nicht ganz geheuer. „Schmeiß die Kakerlake ins Meer!“, sagt Peter. Er wolle das Viech nicht mehr sehen. Ich werfe die Schabe ins Wasser, ins türkisfarbene Meer, das gerade recht ruhig ist. Hoch und runter bewegt sich der leblose Körper. Ich mache ein Foto. Vergrößert sieht die Kakerlake nun aus wie ein unheimliches Wesen mit hellem Kopf und großen Augen. Die langen Fühler scheinen die Richtung zu erkunden. Und da: Die Beine bewegen sich als wolle die Schabe zurück auf die Amira schwimmen. Die Wellen jedoch treiben sie hinaus aufs offene Meer.
Ach, wären wir doch schon alle Amerikanischen Schaben auf dem Boot los! Das Problem sind die Eier. Die Kakerlaken-Weibchen legen sie an geschützten Stellen in festen Eikabseln (Oetheken) ab, in die das Giftgel nicht eindringen kann. Selbst wenn alle Kakerlaken auf der Amira tot wären, könnten so noch neue schlüpfen – pro Eipaket zwischen 15 bis 20 Nymphen, wie die Jungtiere genannt werden. Die müssen dann erst einmal bei unserer Spüle oder dem Ofen herauskommen, das Gel finden, fressen und sterben. Gewissheit haben wir also am Ende nur, wenn wir auch in drei Monaten keine Schabe mehr finden. Schlimmstenfalls müssen wir einen Kammerjäger kommen lassen, der das Schiff ausräuchert.
