Über den Hügel zum Garifuna-Dorf
Ein Amerikaner führt uns zum freiheitsliebenden Volk afrikanisch-karibischer Herkunft
Von Renate Rüger, 30. April 2026
Der Amerikaner, den wir in der Nähe der Tauchstation auf Cayo Mayor treffen, runzelt die Stirn. „Ihr sucht den Weg ins Dorf?“, fragt er. Einfach zu finden sei der nicht. Der Trampelpfad sei schlecht markiert, die roten Schleifchen oft nicht zu finden. Aber er müsse eh ins Dorf, um seine dort bestellten Eier abzuholen. Wir könnten ihm folgen. Steil bergauf durch dichten Dschungel laufen wir hinter dem Amerikaner her, vorbei an seinem Haus, das er gerade renoviert. Als junger Mann habe er es von seinem Vater geerbt, aber erst jetzt wolle er es tatsächlich nutzen, erklärt der Amerikaner, der aus Texas stammt. Fließendes Wasser und Strom habe er nicht.

Irgendwo in der Nähe muss der Leuchtturm sein, wir steigen weiter durchs Dickicht den Pfad nach oben. Nun geht es auf der anderen Seite des Hügels wieder steil bergab, in meinen Flip-Flops rutsche ich ein wenig nach unten, halte mich an nahen Ästen fest. Ja, eigentlich wollte ich nur den Weg wissen und ihn nicht gleich laufen, sonst hätten ich andere Schuhe angezogen. Doch wer erhält schon die Gelegenheit, eine solche Führung zu bekommen? Den stark abfallenden Hügel hinab ist schwerer als hinauf, Steinchen und grobe Erde lassen uns straucheln. Dann, zwischen den Bäumen: das Meer. Es leuchtet uns in der Sonne entgegen. Wenige Minuten später sind wir im Dorf.
Die „schwarzen Kariben“
Hier leben Garifuna, ein Volk afrikanisch-karibischer Herkunft, das im 17. Jahrhundert auf der Insel St. Vincent entstand. Dort, in den Kleinen Antillen, das für seine Korallenriffe und starke Strömungen bekannt ist, liefen einst ein oder mehrere Sklavenschiffe auf und schlugen leck. Die Herkunft der Schiffe und das Datum des Schiffsbruchs sind laut Wikipedia umstritten. Die Menschen, die die europäischen Kolonialisten in Afrika gefangen hatten, konnten sich jedenfalls im Chaos der Situation befreien. Sie schwammen zum Ufer der dichtbewaldeten Insel St. Vincent, die die Kalinago beherrschten – ein indigenes Volk, das erbitterten Widerstand gegen die europäischen Eroberer leistete. Dieses nahm die Afrikaner auf und durch Vermehrung entstand eine neue ethnische Gruppe: die Garifuna, die von den Europäern „schwarze Kariben“ genannt wurden (im Gegensatz zu den rein Indigenen, die sie „gelben Kariben“ nannten) . Über 150 Jahre lang verteidigten die Garifuna ihre Freiheit auf St. Vincent, das als „neutrale Insel“ galt. Hierhin flohen auch afrikanische Sklaven von Nachbarinseln wie Barbados oder Martinique, die sich als freie Menschen den Garifuna anschlossen.

Erst im „Zweiten Karibenkrieg“ (1795 bis 1797) gelang es den Briten, die Garifuna zu besiegen. Sie brachten die Garifuna zunächst auf die Nachbarinsel Baliceaux, wo mehr als die Hälfte von ihnen in kurzer Zeit an Krankheiten und Unterernährung starb. Die rund 2300 überlebenden „Black Caribs“ deportierten die Briten dann 1797 auf die Insel Roatán. Von dort aus breiteten sich die Garifuna auf die anderen Islas de la Bahía (Bay Islands) aus, aufs Festland von Honduras sowie Belize, Guatemala und Nicaragua. Heute leben in Honduras 40.000 bis 100.000 Garifuna. Die Zahl schwankt je nach Quelle. Die Vereinten Nationen und die Organisation der Garifuna-Gemeinschaften in Honduras (OFRANEH) gehen sogar von 300.000 Garifuna aus, die sich auf etwa 45 Gemeinden entlang der honduranischen Karibikküste und den Inseln verteilen.
Bunt bemalte Hütten

Das Garifuna-Dorf East End auf Cayo Mayor wirkt fast ausgestorben, als wir es gegen Mittag erreichen. Es ist heiß und die meisten der etwa 70 Einwohner scheinen diese Zeit im Haus zu verbringen. Um so mehr stechen die bunt-leuchtenden Hütten mit Wandbemalungen ins Auge. Hier ein Oktopus, dort eine Unterwasser-Landschaft, hier eine Wasserschildkröte mit riesigem grünem Kopf und großen Augen und links auf einem großen Schild eine Garifuna-Tänzerin. Weiter hinten steht eine relativ große Schule, frisch gebaut mit Mitteln des honduranischen Bildungsministeriums, wie auf einem Schild zu lesen ist. Wir haben Durst. Gibt es hier ein Geschäft? Er organisiere das, sagt der Amerikaner. Wenig später öffnet ein Junge die Tür eines Haus, dessen grüne und rote Farbe bereits abblättert. Wasser? Nein, Wasser gibt es hier nicht. Aber Cola und Bier. Es dauert eine Weile, der Junge scheint mit anderen Freunden nach gekühlten Cola-Flaschen suchen zu müssen, dann reicht er sie durch eines der drei Ausgabelöcher im Fenster.

Sieben Garifuna machen sich derweil über Miss Katerin, ein langes Holzmotorboot, her. Es ist undicht, muss aus dem Wasser und abgedichtet werden. Alle helfen also, das Boot an Land zu ziehen. Auch Carlo und Peter helfen mit. Das kommt bei den Garifuna, die größtenteils vom Fischfang leben und deshalb auf Boote angewiesen sind, gut an. Leider sprechen die meisten kein Englisch. Spanisch können sie, ihre eigene Sprache ist jedoch Garifuna, ein linguistisches Phänomen. Diese zur Arawak-Sprachfamilie gehörende Sprache enthält nicht nur karibische und afrikanische Elemente, sondern auch Einflüsse aus dem Französischen, Englischen und Spanischen. In der Alltagssprache sollen Frauen und Männer zudem oft unterschiedliche Wörter für dieselbe Sache verwenden. Wir glauben, ein paar aufgeschnappte Wörter zu verstehen und verstehen doch gar nichts. Woher kommt ihr?, fragt ein Garifuna, der Englisch spricht. Aus Deutschland und Belgien. Er deutet auf mich. „Gibt es dort viele Menschen mit so blauen Augen?“ Carlo nimmt seine Sonnenbrille ab. „Hier, ich habe auch blaue Augen.“ Aber ja, es gibt auch Menschen mit braunen Augen…
Am Meer entlang zurück

Wir müssen weiter. Der Amerikaner hat seine Eier bekommen und will zurück. Diesmal geht es am Strand entlang. Über Sand, Kies, Äste … und jede Menge Müll. Plastikflaschen, kleine, große, durchsichtige und farbige, Flip-Flops und Schlappen, kleine, große, schwarze und bunte, gefüllte Abfallsäcke… Nein, das stammt nicht oder nur zu einem winzigen Anteil von den Garifuna, dieser Plastikmüll kommt aus dem Meer, wurde angeschwemmt, wie an vielen Stränden der Karibik. Der Amerikaner führt uns durchs Unterholz. Wir dachten, am Meer entlang ist alles flach. Aber da haben wir uns getäuscht. Nun geht es wieder bergauf, sogar über Treppenstufen. Oben blicken wir durch Bäume hindurch weit aufs Meer, das zum Ufer hin in hellem Türkis schimmert. Wenige Minuten später sind wir an einem Sandstrand. Ein paar Hütten stehen hier, Wäsche flattert im Wind, eine Frau hängt gerade noch ein Laken an die Leine.

Dann stehen wir vor einem großen Felsbrocken. Zum ersten Absatz führt eine Holzleiter, aber dann? Sollen wir da wirklich hoch oder vielleicht doch lieber um den Felsvorsprung herumschwimmen? Der Amerikaner klettert voran, wir folgen und sind überrascht, wie gut das funktioniert. Ist der Felsen bearbeitet? Überall scheint es Stellen zu geben, auf die sich gut ein Fuß setzen lässt. Oben abermals: ein phantastischer Blick auf eine Bucht mit Sandstrand. Das Hinunterkommen jedoch ist etwas schwierig, rutschen wir doch wieder mehr als dass wir gehen. Eine Holzhütte entpuppt sich als Strandbar, aber sie ist zu. Der Amerikaner ruft eine Frau herbei, die sie öffnet und uns Cola verkauft. Noch einmal geht es anschließend steil bergauf zur nächsten Bucht, oben ein Blick auf unsere Schiffe, wenige Minuten später sind wir bei unseren Dinghys. Was für eine schöne Erlebnis-Tour! So etwas hätten wir nie buchen können, thank you so much!, sagen wir dankbar dem Amerikaner.

















