Essen bei den Garifuna
Im Fischerdorf Chachahuate kochen ganze Familien für Tagestouristen vom Festland
Von Renate Rüger, 2. Mai 2026
Deckt euch ein, wenn ihr zu den Cayos Cochinos fahrt! Dort gibt es nichts zu essen, hatten andere Segler uns auf Utila gese agt. Doch hier vor Ort finden wir eine kleine Koralleninsel mit einer ganzen Restaurant-Reihe: Chachahuate, wo die meisten der rund 250 Garifuna auf den Cayos Cochinos leben. Es ist ruhig, als wir unser Dinghy gegen 11.30 Uhr an den Sandstrand ziehen. Die langen, sonnengeschützten Holztische der Gaststätten sind noch leer. Doch das ändert sich rasant in der folgenden halben Stunde. Immer mehr Lanchas – Holzboote mit Außenbordmotor – kommen vom Festland aus Sambo Creek oder von der Insel Roatán an, immer mehr Menschen nehmen Platz, immer öfter müssen wir, die wir keinen Platz reserviert haben, zum nächsten noch freien Tisch wechseln, um dort später abermals vertrieben zu werden. Touristenorganisationen scheinen hier alles im Griff zu haben.

Fisch, Kochbananen und Kokosreis
Hinter den Hütten der „Restaurant-Meile“ kochen ganze Familien Unmengen an Fisch, Kochbananen und Kokosreis mit Bohnen. Hier brutzeln Red Snapper in mehreren Pfannen auf offenem Feuer, dort werden Kochbananen in Scheiben geschnitten und zum Frittieren in Töpfe geworfen, rechts daneben dampfen Krabben in einer Knoblauchsauce. Männer und Frauen tragen große Schalen mit Bergen von fertigem Fisch und Bananen nach vorne. Das ganze Dorf scheint zu kochen und bei der „Fütterung der Raubtiere“ an den Tischen zu helfen.

Einfach sind all die Gerichte mit der berühmten „karibischen Dreifaltigkeit“ – Kokosnuss, Kochbanane und Fisch. Aber sie schmecken. Pech habe ich nur zwei Tage später, als ich Hudut bestelle, die traditionelle Fischsuppe der Garifuna mit Kokosmilch. Dazu wird normalerweise ein Teig aus gestampften Kochbananen serviert, der zu Bällchen geformt und in die Suppe getunkt wird. Dass der fehlt, gibt schon zu bedenken. Aber was erwarten wir hier? Auf dem Festland ist eine große Veranstaltung, deshalb ist diesmal nur eine Lancha gekommen und all die Restaurants um uns herum haben zu. Nur eine Garifuna sagt, sie könne uns etwas kochen. Und das ist ja schon toll, auch wenn Fischsuppe, Krabben und Conch (große Meeresschnecke) nicht frisch sind. Es ist ja schließlich eine Art Feiertag.

Auf Chachahuate leben die Garifuna von den Touristen, die ihre größte Einnahmequelle sind. Nur so können sie sich einen Generator für Strom leisten und sogar an einem Fernseher gemeinsam Fußball sehen. Ohne den Fischfang wäre beides nicht möglich. Und: Die Garifuna sind die einzigen, die auf den Cayos Cochinos überhaupt fischen dürfen. Dieses Sonderrecht gilt jedoch nur für den Fischfang auf traditionelle Weise wie das Handangeln mit Schnur, Haken und Köder. Berichten zufolge gibt es dabei ein ungeschriebenes Gesetz: Es wird nur so viel gefangen, wie die Gemeinschaft braucht oder verkaufen kann.

Gerade fährt eine Lancha ans Ufer. Einer der Fischer hebt einen meterlangen Riesenbarrakuda hoch und lässt das tote Tier ins Wasser gleiten, das sogleich von fünf Männern umringt wird. Anerkennend klingen die Kommentare. Der Fischer ist entsprechend stolz, widmet sich nun aber zuerst dem Fang, der von der Angel direkt in den Kühlboxen gelandet ist. Einen Red Snapper nach dem anderen zieht sein Kollege heraus, und er nimmt einen Fisch nach dem anderen aus. Erst dann wendet er sich dem neben dem Boot im Meer liegenden Riesenbarrakuda zu. Ihm schneidet er den Bauch im Wasser auf – wahrscheinlich, weil dieses große Tier so viel blutet. Später, im Hinterhof seiner Hütte, lässt sich der Fischer mit dem ausgenommenen Riesenbarrakuda von allen Seiten fotografieren.

Ich durfte ihn in die Strohdach-Holzhütte zu seiner Familie begleiten, weil ich ihm einen Red Snapper abkaufen will, den er hier abwiegt. 80 Lempiras pro Pfund, sagt er. Umgerechnet 6,50 Euro zahle ich für den 2,5 Kilo schweren Rifffisch. Seine Mutter steht nebenan gerade vor einem Gasherd und kocht. Kinder und Jugendliche essen bereits oder tragen gefüllte Teller mit sich herum. Einen Tisch gibt es hier nicht, auch keine anderen Möbel. Alles ist einfach, erinnert – wahrscheinlich durch den blanken Lehmboden – an das Innere eines Zeltes. In den Augen eines Europäers sieht das alles ziemlich erbärmlich aus. Weil es kein fließendes Wasser gibt, sammelt die Familie Regenwasser. Und weil es keine Kanalisation gibt, benutzt sie ein Plumpsklo.

Intensives Trommeln, schnelle Hüftbewegungen, afrikanische Rhythmen kombiniert mit spanischer Gitarre: Das gilt als Herzstück der Garifuna-Kultur und wurde von der UNESCO ebenso wie die Garifuna-Sprache zum „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ erklärt. Davon haben wir auf den Cayos Cochinos nichts mitbekommen. Vielleicht tanzen die dortigen Garifuna ja erst, wenn die Touristen verschwunden sind…












