Gegen den Strom
Auf der Fahrt nach Utila kommen wir kaum gegen die Strömung an
Von Renate Rüger, 22. April 2026
Die Pia mit unseren Freunden Peter und Dorothee ist bereits auf dem Weg nach Key West, USA. Der Abschied fiel schwer, uns allen. Gerne würden wir gemeinsam weiterfahren. Doch im Gegensatz zu den „Pianisten“ besitzen wir nicht das für Segler obligatorische B1/B2-Visum für die USA. Sonst wären wir zusammen zu den Bahamas gefahren. Aber ohne Zwischenstopp in Key West oder auf Kuba (was ja derzeit auch schlecht möglich ist) bräuchten wir angesichts der starken Strömung ein gutes, sicheres Wetterfenster für eine Woche. Und das tut sich einfach nicht auf. Für uns wird es eng: Die Hurrikansaison beginnt im Juni. Selbst wenn wir es irgendwann Ende April/Anfang Mai zu den Bahamas schaffen würden, könnten wir nur kurz dort bleiben und bekämen dann vermutlich Schwierigkeiten mit dem Weg zurück gen Süden in hurrikansicheres Gebiet. Denn egal, ob wir nun nach Panama oder erst einmal wieder in den Rio Dulce fahren: Die Winward-Passage zwischen Kuba und Haiti, die wir nehmen müssten, ist nicht ohne. Da haben Segler auch schon mal einen Monat auf ein Wetterfenster gewartet. Wir geben auf, fahren also zurück, erst einmal nach Utila, Honduras.

Gegen 8 Uhr wollen wir los und vorher noch schnell bei der Tankstelle direkt neben uns die Tanks füllen. Doch daraus wird nichts, zumindest vorerst nicht. Eine Motoryacht hängt an der einzigen Diesel-Zapfsäule, die es hier gibt. Ob die uns noch Treibstoff übrig lässt?, frage ich scherzhaft. Gegen 9 Uhr geht Peter rüber und fragt nach. 12.000 Liter will die Motoryacht tanken, bis 13 Uhr soll das noch dauern! Wie viel Pesos der Besitzer dafür zahlen muss und wie lange der Diesel bei diesen schweren Motoren reicht, wollen wir uns gar nicht erst vorstellen…
Im Yucatán-Strom
Gegen 15 Uhr haben wir die Isla Mujeres hinter uns gelassen. Sind noch einmal durch das bezaubernde, smaragd- und saphirähnlich leuchtende Meer in Richtung Cancún gefahren und dann gen Süden. Großsegel und Genua sind gehisst, bei nur 7,8 Knoten Wind kommen wir zügig voran (SOG – Speed over Ground/Geschwindigkeit über Grund: fünf Knoten).

Drei Stunden später hängen wir im Yucatán-Strom fast fest. Unsere Amira fährt bei 14 Knoten Ostwind sechs Knoten, doch über Grund bewegen wir uns wegen der Gegenströmung kaum vom Fleck. Gerade einmal zwei Knoten sind wir schnell, sprich 3,7 km/h und es wird später noch weniger. Vier Knoten also muss der Strom, der uns ausbremst, gegen uns sein, viel mehr als die vorhergesagten 1,8 Knoten. Sollen wir nun östlich an der Insel Cozumel vorbei oder westlich, also zwischen Festland und der Insel? Laut Karte ist der Strom östlich stärker, aber zwischen Festland und Insel wird es einen Sog geben, wieder gegen uns. Trotzdem entscheiden wir uns für diese Variante, die ja auch kürzer ist.
Wir kommen nicht weiter
Die Sonne geht unter, es wird dunkel. Wir machen den Motor an und erreichen vier Knoten SOG. Der Wind nimmt etwas zu, kommt nun von Nord-Ost. Um 22 Uhr scheinen wir nur noch heftig in den Wellen zu schaukeln, mit 1,8 bis 3,5 Knoten – je nachdem, ob es gerade mit der Welle hoch oder runter geht. Wir sind es leid, die Segel bringen uns nicht weiter. Wir holen sie ein und drehen den Motor weiter auf, volle Kanne gegen den Strom. Mit neun Knoten, und wir erreichen 4,6 bis 5,6 Knoten SOG.

Es fühlt sich an wie auf einem Laufband. Wir fahren und fahren mit voller Kraft und kommen doch nur 9 bis 10 Kilometer die Stunde voran. Die Strecke zieht sich. Wir essen die letzten Stückchen Lindt-Schokolade, die Peter zum Geburtstag von der Pia-Crew geschenkt bekommen hat. Wo mögen Dorothee und Peter nun sein? Am Ufer weit entfernt sehen wir ein Feuerwerk. Längst haben wir beschlossen, noch in Mexiko eine Pause einzulegen. In Punta Allen, einer großen Bucht, wollen wir übernachten.
Als wir gegen 3 Uhr die Mitte Cozumels erreichen, lässt die Sogwirkung und damit auch die Strömung nach. Nur noch 1,5 Knoten haben wir gegen uns. Wir ziehen die Segel wieder hoch und fahren hybrid weiter – mit 5 Knoten SOG die Stunde. Zwei Stunden später dümpeln wir wieder vor uns hin: SOG 2,2 – 2,5 – 1,6 Knoten… je nachdem, ob es die Welle hoch oder runter geht.
In der surrealen Welt von Punta Allen

Die Sonne geht auf. Gegen 9 Uhr lassen wir die Segel fallen und biegen nach rechts Richtung Punta Allen ab. Die Strömung hat überraschend wieder zugenommen, liegt nun bei 2,5 Knoten. Auch dieser Weg zieht sich – viel mehr als wir gedacht hatten. Und plötzlich kommen wir in türkisleuchtendes Wasser. Vier Tümmler begrüßen uns, schwimmen ein paar Mal quer unter unseren Rümpfen durch und verschwinden dann wieder. Um uns herum ist nur noch Türkis, eine scheinbar unendliche Weite. Wir denken, der Ankerplatz muss gleich kommen, doch wir fahren noch Stunden. Gegen 16 Uhr sind wir da. In Ufernähe gleitet ein Delfinrücken aus dem Wasser, wieder hinein und hinaus. Zu uns kommen will dieser Einzelgänger aber nicht. Für unsere Amira ist das Wasser dort, wo er ist, zu flach. So ankern wir weit außerhalb und es mutet an, als wären wir mitten im Meer auf hoher See. Wäre da nicht das fantastische Türkis des Wassers, ein eindeutiges Zeichen, dass es hier nicht tief ist.
Wir ankern im Nichts, in einer surrealen Welt, die nur aus Türkis-, Blau- und Weißtönen besteht, aus Himmel und Meer. Die Wolken über uns haben ins Blau Muster gezeichnet als wollten sie Caspar David Friedrich beweisen, dass die Wirklichkeit zuweilen schöner ist, als man sie je auf Bildern festhalten kann. Wir lassen uns fallen in und mitreißen von der unwirklichen Atmosphäre dieses Ortes. Und bleiben noch den nächsten Tag da.
Glücksbringende Delfine
Als wir am nächsten Morgen wieder aus der Bucht hinausfahren, begleiteten uns sechs Delfine. Die haben Spaß an unseren Bugrümpfen, einige schwimmen gar auf dem Rücken zwischen ihnen durch und drehen sich immer wieder. Wer ist schneller, ihr mit eurem Segelboot oder wir?, scheinen sie zu fragen. Aber eigentlich ist das ja keine Frage. Die Delfine spielen nur in der Bugwelle und nutzen deren Energie. Als Glücksbringer gilt dieses typische Delfinverhalten. Wir hoffen natürlich, die Delfine bringen uns tatsächlich Glück. Die Gefriertruhe jedenfalls kühlt plötzlich wieder. Am ersten Seetag (oder unbemerkt vielleicht auch schon vorher) hatte sie ihren Dienst verweigert. Unser Gemüse und die eingefrorenen Thunfischstücke waren bereits aufgetaut, als Peter am Ankerplatz Relais, Sicherung und Thermostat überprüfte. Der Ventilator lief, doch der Kompressor nicht, er klopfte darauf. Es tat sich nichts. Wir fuhren weiter. Und nun plötzlich funktioniert die Gefriertruhe wieder. Warum und ist das von Dauer? Wir wissen es nicht.

Am Nachmittag taucht noch eine ganze Delfinschule von etwa 16 Tieren auf. Verspielt und neugierig umkreisen sie unsere Bugspitzen, scheinen ebenfalls mit ihnen um die Wette zu schwimmen. Etwa eine halbe Stunde lang begleiten sie uns. Dann sind die Delfine alle außer einem weg. Der jedoch ist hartnäckig, er bleibt bei uns. Ein anderer Delfin will ihn offensichtlich zur Gruppe zurückholen, doch dieses Tier lässt sich davon nicht beeindrucken und bleibt noch zehn Minuten bei uns.
Allein fahren wir ins offene Meer. Der Wind ist schwach, zu schwach zum Segeln, also sind wir wieder als Hybrid-Boot unterwegs. Zwei Meter hoch sind die seitlichen Wellen und die Strömung ist mal wieder stärker als vorausgesagt – 2 statt 0,5 Knoten. Wie nähern uns also taumelnd und langsam unserem Ziel Utila.








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